Hana Usui
Hana Usui, o.T., 2009, Berlin, Öl und Tusche auf Papier, 45 x 45cm,

Spuren von Weiß und Schwarz.
Zu einer Zeichnung von Hana Usui
von Dr. Giuseppe Gulizia
Aus dem Italienischen von Marcello Farabegoli

Tusche und Ölfarbe auf Papier. Ein Hintergrund und eine Spur auf einer Unterlage. Es scheint, dass Hana Usui jedem einzelnen der drei Materialien, eine bestimmte Rolle zuordnet: das Papier ist die Unterlage, auf der sich ihr Werk entfaltet; die Ölfarbe, weiß oder schwarz, prägt jene Spur ein, die den Betrachter trifft; die Tusche vervollständigt den Kontext, in welchem sich das Werk behauptet. Wir schlagen hier eine mehrschichtige Interpretation von Hana Usuis Werk vor und führen die Analyse der drei genannten Elemente graduell durch. Die chronologische Folge der einzelnen Arbeitsschritte bei der Entstehung des Werkes wird dabei nicht respektiert. Der Anfangspunkt unserer Analyse ist dabei gänzlich willkürlich gewählt, denn das Ganze (das Werk) ist viel mehr als die Summe seiner Teile (Tusche, Ölfarbe, Papier).

1. Auf dem Hintergrund die Tusche. Der durch sie gebildete schattenreiche Nebel ist der Kontext, in den sich ihre Zeichnung (ihr Zeichen) einfügt. Der Kontext, so lehrt die Hermeneutik und die Theorie der Kommunikation, ist wesentlich für das Verständnis eines Textes und einer Botschaft. Der Fleck, den die Tusche auf dem Papier hinterlässt, ist wandelbar und kann die verschiedensten Intensitätsgrade erzeugen. Das Spektrum an möglichen Variationen dieser Flecken dient Hana Usui als Arbeitsgrundlage ihrer Malerei. Die Vielfalt der Formen und Farbenvariationen strömt in die Perfektion des quadratischen Raumes, wie um uns daran zu erinnern, dass Kreativität und Schönheit sich auch im Rahmen strengster geometrischer Notwendigkeit immer durchzusetzen vermögen.  Indem die Künstlerin mit der Tusche ein Quadrat bemalt, erzeugt sie eine Begegnung zwischen der Regelmäßigkeit der Geometrie und der Unregelmäßigkeit der Schönheit. Auf diesen Hintergrund, in diesen Kontext, dort wo die Physik in einen Dialog mit der Ästhetik eintritt, setzt Hana Usui die Zeichen.

2. Die Spur der Ölfarbe. Die Zeichnung (das Zeichen) steht im Vordergrund und sticht aus dem nebelhaften Hintergrund hervor. Sie könnte ebensogut einen Knoten, wie eine Schleife darstellen. Wie alle Zeichen kann auch dieses erst durch den Zuspruch des Betrachters von seiner Mehrdeutigkeit befreit werden. Wir denken naiv, dass ein Knoten einfach ein Knoten sei. Doch ein Knoten kann tödlich für einen Menschen sein, der sich aufhängt, oder elegant für einen, der sich damit eine Krawatte bindet. Wir sind daran gewöhnt zu denken, dass Zeichen im Gegensatz zu Symbolen eindeutig seien: “+” ist das Zeichen für die Summe und “-” das Zeichen für die Differenz. Aber Zeichen, die mit Ölfarbe eingraviert werden - zum Teil mit der Hilfe eines Schraubenziehers -  können auch von der Seele zufügte Wunden sein. Die kalligrafischen Wurzeln in der Ausbildung der Zeichnerin spiegeln sich in diesem äußerst persönlichen Rückgriff auf das Zeichen wider: ihre Zeichnungen „bedeuten“ nichts außer sich selbst. Es können Spiele, Rebusse oder Rätsel sein. Alles ist im Zeichen, und es ist die Linie, der Hana Usui ihr kalligrafisches Gespür widmet: Sie moduliert die Linie, um ihr die Seele zurückzugeben; stark und breit an einigen Stellen, dünn und zart an anderen. Es ist so, als ob die Linie in ihrem Verlauf bei jeder Variation der Dicke pulsieren würde. Womöglich ist es kein Zufall, dass die Künstlerin die Linie “physisch” vom Hintergrund trennt: sie zeichnet nämlich die Linie zuerst auf einem separaten Blatt Papier, welches dann vollständig oder nur am oberen Rand mit jenem Blatt verbunden wird, welches nachträglich mit Tusche bearbeitet wird.

3. Papierhintergrund. Vielleicht ist die asiatische Herkunft der Künstlerin noch mehr in den asiatischen Papieren, welche sie für ihre Arbeiten auswählt, erkennbar als im Zeichen. Wir kommen nackt zur Welt. Obwohl wir über unsere Körper noch nicht vollständig verfügen, sind diese die erste Unterlage, auf der etwas eingraviert werden kann. Die Anderen werden entscheiden, welche Sprache wir sprechen und welches Essen wir bevorzugen werden. Wir sind wie ein Papierhintergrund: glatt auf der Oberfläche, aber vernetzt und verwoben in der Tiefe. Allerdings, so scheint uns die Künstlerin zu sagen, das Wesen des Lebens liegt nicht in seinem Ursprung sondern in seiner Entwicklung.
Hana Usui kommt aus Japan, wo sie zwanzig Jahre lang Kalligrafie studiert hat. Ihre Arbeiten haben sich von ihren Wurzeln vollständig befreit: sie kommen aus ihr selbst (sie sind Notizen aus ihrem Leben, ihre visuelle Poesie, ihre innerliche Partitur), aber sie entstehen für uns (es sind Fragen über Zeit und Raum, über den Anfang und das Ende, über Sinn und Bedeutung, über Ursprung und Entwicklung).

Es sind Fragestellungen, die mit Ölfarbe gezeichnet werden, in weiß oder schwarz. Die Antworten zu diesen Fragen können aber nicht in diesen selben Farben ausgedrückt werden: sie sind weder monolithisch, eindeutig noch verallgemeinerbar. Nicht zufällig stellt die Künstlerin ihre Fragen mitten in die grauen Schattierungen der Tusche. Indem sie ihre Ausdrucksmittel, ihr Spektrum auf ein Minimum reduziert, macht Hana Usui ihre Wahl des Minimalismus und Reduktionismus offenkundig. Aber ihre Werke eröffnen – über die schmalen Wege von Weiß, Schwarz und Grau hinaus – unbekannte Landschaften und Szenarien, die uns immer wieder einladen die selben großen Fragen zu stellen, um immer wieder neue Antworten zu erfinden.

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Tracce di bianco e di nero
di Giuseppe Gulizia, febbraio 2011

China e olio su carta. Uno sfondo e una traccia su un supporto. A ciascuno dei tre materiali Hana Usui sembra attribuire un ruolo specifico: la carta è il supporto sul quale l’opera si fissa; l’olio, bianco o nero, imprime la traccia che colpisce chi la osserva; la china completa il contesto in cui l’opera si impone. Proponiamo qui una lettura stratificata del lavoro di Hana Usui, procedendo per gradi nell’analisi dei tre elementi individuati, senza rispettare la successione cronologica delle fasi di produzione dell’opera. Il punto di partenza è del tutto casuale, perché il tutto (l’opera) è molto di più della somma delle sue parti (china, olio e carta).

1. ullo sfondo la china. La nebulosa scura creata dalla china è il contesto in cui si inserisce il suo segno. Il contesto, come insegnano l’ermeneutica e la teoria della comunicazione, è essenziale per la comprensione di un testo e di un messaggio. La macchia che la china lascia sulla carta può variare e generare diversi livelli d'intensità. La pittrice usa lo spettro delle variazioni possibili come base di lavoro delle sue creazioni. La molteplicità delle forme e la difformità del colore irrompono nella perfezione dello spazio tracciato dai 45 cm dei lati del quadrato, come a ricordarci che, anche all’interno della più ferrea necessità geometrica, la creatività e la bellezza riescono sempre a farsi largo e a imporsi. L’artista, dipingendo un quadrato con la china, realizza un incontro tra la regolarità geometrica e l’irregolarità della bellezza. Su questo sfondo, in questo contesto, laddove la fisica dialoga con l’estetica, si collocano i segni tracciati da Hana Usui.

2. La traccia d’olio. Il segno si staglia in primo piano, emergendo dalla nebulosa. Sembra un nodo, ma potrebbe anche essere un fiocco. Come tutti i segni, anche questo può essere liberato dalla sua ambiguità solo con il consenso di chi lo riceve. Pensiamo ingenuamente che un nodo sia solo un nodo. Eppure un nodo può essere mortale per un uomo che si impicca o elegante per uno che si incravatta. Siamo abituati a pensare che i segni, a differenza dei simboli, siano univoci: “+” è il segno della somma come “-“ è il segno della differenza. Ma i segni incisi con l’olio, a volte anche con l’ausilio di un cacciavite, possono essere come ferite inferte dall’anima. Le radici calligrafiche della formazione della pittrice si riflettono in questo suo personalissimo ricorso al segno: i suoi disegni non “significano” niente al di fuori di essi. Possono essere giochi, rebus, enigmi. Tutto è nel segno, ed è alla linea che Hana Usui dedica la sua attenzione calligrafica: la modula per restituirle un’anima, forte e robusta in alcuni tratti, esile e fragile in altri. È come se la linea pulsasse nel suo percorso ad ogni variazione di spessore. Non a caso forse, l’artista separa “fisicamente” la linea dallo sfondo, disegnandola prima su un foglio a parte, che viene poi incollato, per intero o per il bordo superiore, a quello lavorato successivamente con la china.

3. Supporto di carta. Forse le origini asiatiche dell' artista, ancor più che nel segno, si riflettono nelle carte orientali da lei selezionate per le sue opere. Veniamo al mondo nudi. I nostri corpi sono il primo supporto da incidere, sebbene non disponiamo ancora pienamente di essi. Gli altri decideranno per noi la lingua che parleremo e il cibo che preferiremo. Siamo come supporti di carta: intonsi in superficie, già tramati e intessuti in profondità. Però, sembra dirci l’artista, l’essenza della vita non sta nella sua origine, ma nella sua evoluzione.

Hana Usui viene dal Giappone, dove ha studiato calligrafia per vent’anni, ma le opere che crea si sono pienamente liberate dalle sue radici: vengono da lei (sono appunti della sua vita, la sua poesia visiva, il suo spartito interiore) ma vengono per noi (sono domande sul tempo e sullo spazio, sull’inizio e sulla fine, sul senso e sul significato, sull’origine e sull’evoluzione). Sono interrogativi disegnati dall’olio, o in bianco o in nero, che non richiedono però risposte dello stesso colore: monolitiche, univoche o universalizzabili. Non a caso l’artista pone le sue domande nel bel mezzo delle sfumature del grigio della china. Esprimendosi attraverso mezzi e cromature ridotte ai minimi termini, Hana Usui dichiara apertamente la sua scelta minimalista e riduzionista. Ma le sue opere aprono – oltre le vie strette del bianco, del nero e del grigio – paesaggi e scenari inediti, invitandoci a porci continuamente le stesse grandi domande per inventare risposte sempre nuove.