Hana Usui

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Tagesspiegel,  1.11.2008

  Alle wollen Möpse

  Satellitenmesse (2): die Berliner Liste

  von Kolja Reichert

Beginnen wir ganz unten, beim Ramsch der Trierer Galerie Maisenbacher. Hat man entsetzt den Blick von Sven Hoffmanns computergenerierten Frauenleibern abgewandt, fallen sofort die Möpse ins Auge. Schwarze Plastikschoßhündchen in Lebensgröße, sie füllen den ganzen Fußboden. Im Nebenraum das Gleiche in Gold, zum Mitnehmen, 100 Euro das Stück. Das geht nicht mal als Kunsthandwerk durch. Sollte der Mops, Sinnbild biederer Bequemlichkeit, die Ikone der diesjährigen Berliner Liste sein?

In der Tat zeigt die größte Satellitenmesse des Art Forums einen Hang zum Dekorativen. Zu viel Fleischlichkeit in Öl, zu viel aristokratische Mittdreißiger-Langeweile. Im fünften Berliner Jahr wurde die Zahl der Galerien noch mal um ein Viertel gesteigert, auf 74. Das wäre nicht nötig gewesen, zumal sich nur 150 Galerien beworben hatten. „Eine echte Entdeckermesse“ nennt es Veranstalter Wolfram Völcker, in Abgrenzung zur Preview. Tatsächlich fordert er dem Entdecker Geduld ab. Immerhin lässt das eklatante Qualitätsgefälle die durchaus vorhandenen Lichtblicke heller strahlen.

Herausragend: die Ausstellung der Berliner Galerie Oko, die den japanischen Altstar Ushio Shinohara zeigt, mit wilden Motorrad-Gebilden und einem seiner „Boxing Paintings“ (17 000 Euro). Den harmonisierenden Kontrast bilden die atemberaubend konzentrierten Kalligraphien von Hana Usui (700 bis 9000 Euro). Hinreißend auch die Ölbilder des Letten Kalvis Zuters bei der Alma Gallery aus Riga mit ihren puppenartigen Figuren in märchenhaft entrückten Landschaften (4500 bis 10 000 Euro).

Den Schwerpunkt Fotografie bringt unter anderem Robert Morat aus Hamburg zum Glänzen. Zu seinem beeindruckenden Künstlerstamm gehören Thomas Hoepker (1800 bis 7500 Euro) und Joakim Eskildsen, dessen faszinierendes Buch über Sinti und Roma pünktlich zur Messe mit dem Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet wurde (limitierte Abzüge 850 bis 3300 Euro). Shawn McBride aus Antwerpen bietet Objektfotografie von Dirk Broemmel (1500 bis 15 000 Euro) und Prints von Simon Norfolk, der akribisch die technischen Hintergründe von Kriegen dokumentiert. Die unsichtbaren Kämpfe hängen in bedrohlicher Allgegenwart in der Luft wie Elektrosmog (4000 bis 15 000 Euro).

Das erste Bild war übrigens schon verkauft, als alle noch aufbauten: „Vuelo Horizontal“ des spanischen Barockparodisten Juan Béjar, bei Thomas Punzmann. Es zeigt ein pausbäckiges Mädchen – mit Mops. Kolja Reichert 

Berliner Liste, bis 2. 11., Sa. 13 -21 Uhr, So. 13 - 19 Uhr. Haus Cumberland, Kurfürstendamm 193 - 194. 

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 01.11.2008
http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2650486)