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Hana Usui, Miyajima / Go To Travel, 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hana Usui: „Go To Travel“
10. März – 29. Mai 2021
Soft-Finissage am Freitag 28. von 14 - 19 Uhr und Samstag 29. Mai von 11 - 18 Uhr

Kunstraum Feller, Kaiserstr. 54, 1070 Wien
Do-Fr 16-18 Uhr u.n.V.

Mit freundlicher Unterstützung von: FELLER Power Cords

„Go To Travel“ ist eine Initiative des ehemaligen Japanischen Premierministers Shinzo Abe, die von seinem Nachfolger Yoshihide Suga mitgetragen wurde und leidenschaftlich weitergeführt wird. Die landesweite Kampagne dient der Wiederbelebung der Tourismusbranche, die von der Corona-Pandemie und dem dadurch verursachten Rückgang ausländischer Besuche in Japan stark getroffen wurde. Dank staatlicher Zuschüsse bietet das Programm Reisen innerhalb Japans etwa zum halben Preis. Trotz großem Widerstand seitens diverser Bürgermeister*innen und großer Teile der Bevölkerung ist „Go To Travel“ überall in Japan außer in Tokyo gestartet, und zwar gerade, als die zweite Corona-Pandemiewelle in Japan sich anballte. Viele Bürger nutzten die Aktion. Aufgrund eines starken Anstiegs der Corona-Fälle im Dezember wurde die Kampagne vorläufig abgesetzt.

Die Künstlerin Eva Schlegel schreibt folgendes zu den Arbeiten der Ausstellung: »Zarte zurückgenommene Fotos, wie im Nebel – Ansichten aus Japan, Fotos von Gebäuden Straßen, Fragmente und heilige Stätten, diese schönen und fast heiter zu nennenden Aufnahmen von Hana Usui bilden den Grund – die Basis für ihre Überarbeitungen. In schwarzer Ölpausen-Technik werden die Fotos mit punktförmigen Performationen versehen, die dem Himmel zustreben – Champagnergleich. In manch anderen Ansichten vermutet man Bruchstellen, die genäht und zusammengefügt scheinen – alle Überarbeitungen legen neue Schichten an, bilden zusätzliche Narrative – erzählen weitere Geschichten.
Doch werden sie auch immer wieder zu Störungen – hat sich ein Staubfaden über das Foto gelegt, drängt sich dort die Störung vor das Heitere?
„Go To travel“ – ein Appell der japanischen Regierung bildet den Titel dieser Arbeiten, um die darniederliegende Tourismusindustrie in der beginnenden Coronazeit zu unterstützen und die Verschiebung der Olympiade in Tokio abzumildern. Ein Appell innerhalb Japans zu reisen, sich auszutauschen – der von der Bevölkerung zwiespältig aufgenommen wurde, denn die Angst vor Ansteckung und Verbreitung der Krankheit ist immanent.
Hana Usui, japanische Künstlerin in Wien lebend, konnte also nicht reisen, konnte nicht ihre Familie in Japan besuchen und hat sich in der Isolation während des Lockdowns mit neuen Arbeiten visuell nach Japan versetzt.
Unter Verwendung verschiedenster Reisefotos, privater Schnappschüsse von Orten in Japan, die mit Erinnerung aufgeladen sind, wurden diese kleinformatigen zarten schwarz weiß – eher würde man sagen nebelgrauen Stimmungen transformiert und mit persönlichen, reduzierten abstrakten Zeichnungen versehen. Was in diesen Arbeiten aber immer zu spüren ist – und das mutet seltsam an: ist die Farbe. Es gibt keine Farbe: trotzdem, die Farbe unserer Vorstellungskraft, eine fröhliche Energie durchzieht diese Bilder, eine Vertrautheit, die den Betrachter erreicht. Man erahnt die flirrenden Farben des lebendigen Tages bei den Tempeln, in den Städten. In anderen Bildern schafft der geringe Kontrast des Grau aber auch Distanz – oder beschreibt eine Grenze des Erscheinens oder Verschwindens wie eine schwingende Bewegung.«

Im Gegensatz zu ihren vorangegangenen Zyklen über die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, die Atomkatastrophe in Fukushima, die Todesstrafe und diverse Diskriminierungen in Japan hat dieser Zyklus trotz des dramatischen Bezugs zu den gestiegenen Coronafällen einen fröhlicheren Charakter. Für „Go To Travel" hat die Künstlerin nämlich Fotos verwendet, die sie während ihrer vergangenen Reisen in Japan aufgenommen hat. Es handelt sich also um Erinnerungsaufzeichnungen, zum Teil auch Schnappschüsse, im Unterschied zu den Fotografien, die sie gezielt etwa in Fukushima, Tokyo Koshisho (Anstalt für zum Tod Verurteilte), im Koreanischen Viertel usw. geschossen hat. Letztere Fotos wurden mit dem Ziel aufgenommen sie als Basis ihrer Zeichnungen zu verwenden. Dieses Mal hingegen ist Hana Usui wegen der Pandemie nicht nach Japan gereist, um für diesen neuen Zyklus spezielle Fotos zu machen. Also hat sie in ihren private Reisefotos herumgestöbert und eine kleine Auswahl getroffen. So sieht man etwa den Itsukushima-Schrein in Miyajima, das Friedensdenkmal in Hiroshima, ein Inari-Schrein in Tokyo, das Stadtzentrum Ginza von Tokyo, Sake-Brauereien, Szenen aus dem japanischen Alltag wie Goldfische im Teich und gemusterte Kanaldeckel an Straßenecken und vieles mehr. Viele glückliche Momente sind in der Künstlerin so wieder aufgetaucht und trotz einer gewissen Nostalgie wurden ihre Zeichnungen von der Vorfreude einer kommenden Reise nach ihrem Heimatland getragen. Die Zeichnungen sind also ziemlich verspielt, sie haben auch nicht immer unbedingt einen direkten Bezug zum Dargestellten. Normalerweise trachtet Hana Usui Dank Lektüren und Recherchen zum Ausstellungsthema danach, aus dem Wesen der Thematik Motive für ihre Zeichnungen zu abstrahieren. Dieses Mal hat sie einfach Elemente aus den Fotos selbst und von Pflanzenmotiven vereinfacht und spielerisch gezeichnet. Bewusst hat sie diese Vorgehensweise gewählt, die als willkürlich oder gar als „dekorativ" abgestempelt werden könnte, um mit Ironie auf die Willkür, Schönmacherei, Absurdität der Kampagne „Go To Travel" aber auch vieler anderer fraglichen Maßnahmen in der Corona-Pandemie und nicht zuletzt des japanischen Traums (oder Alptraums), die verschobenen Olypischen Spiele heuer durchführen zu wollen, hinzudeuten.

Nicht zuletzt ein abschliessendes Statement zur Ausstellung von Dr. Ute Burkhardt-Bodenwinkler: »Eppur si muove1, Bewegung ist das Streben nach Leere. Die Dinge bewegen sich, es gibt etwas und nicht nichts. Die Realität braucht die Ergänzung durch die Fiktion, um diese Leere zu verbergen. Jenseits der Fiktion der Realität gibt es die Realität der Fiktion.
Die einzelnen Positionen der Künstlerin Hana Usui sind getragen von einer künstlerischen Praktik, die eine enge Beziehung zu ihrem materiellen Vokabular und einer perfekten Integrität von Form und Inhalt aufweist. Die Arbeiten verhandeln, ganz unterschiedlich, ästhetische, ideologische und strategische Bruchlinien. Die Werke von Hana Usui veranlassen uns dazu, nachzudenken wie bestimmte Akteurinnen zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Bestimmtes denken oder tun und damit die ihren Subjektpostionen zugeordneten Denk- und Handlungsräume überschreiten.
Welche Grenzlinien werden hierbei sichtbar, die wir als Betrachterinnen natürlich lustvoll überschreiten könnten, die privaten Reisefotos die spielerisch überzeichnet sind mit Motiven aus den Fotos und von Pflanzen. Der Moment der Abstraktion ist hier als ein ironischer Kommentar zur Kampagne „Go To Travel“ des ehemaligen japanischen Premierminister Shinzo Abe zu lesen. Argumentiert hier die Kunst auf einer Ebene der kritischen Distanz, oder auf einer Ebene der Empathie?«